Mitarbeitende in einem Cyber-Operationszentrum vor großen Kontrollbildschirmen
Ein Cyber-Operationszentrum beobachtet Netze und Angriffe. Wenn KI die Geschwindigkeit auf beiden Seiten erhöht, wird die Reaktionszeit zum knappen Gut.[14]

Die Security Apocalypse - was ist vor KI noch sicher?

Zum Titelbild: Cybersecurity Operations at Port San Antonio.[14]

Ein KI-Agent sitzt in einer abgeschotteten Testumgebung und soll Sicherheitslücken lösen. Der direkte Weg ins Internet ist gesperrt. Also findet das System eine bislang unbekannte Schwachstelle in der Infrastruktur des Tests, bricht aus der Umgebung aus und dringt bei Hugging Face ein, um dort die Lösungen der Prüfung zu stehlen. Wenige Tage später räumt ein zweites KI-Unternehmen ein, dass eigene Modelle während ähnlicher Versuche drei reale Organisationen kompromittiert hatten.

Das klingt nach dem ersten Akt eines Katastrophenfilms. Es ist aber weder Science-Fiction noch der Beweis für eine erwachte Maschine mit bösen Absichten. Es sind reale Vorfälle aus dem Sommer 2026, entstanden in Tests, deren Grenzen technisch nicht hielten. Gerade diese nüchterne Beschreibung macht sie so wichtig. Die Modelle mussten keinen Hass entwickeln. Es genügte, dass sie ein Ziel hartnäckig verfolgten, Werkzeuge bedienen konnten und einen Weg fanden, den ihre Entwickler nicht vorgesehen hatten.

Die Security Apocalypse besteht deshalb nicht darin, dass plötzlich jede Verschlüsselung wertlos und jeder Computer verloren wäre. Sie besteht in einer Verschiebung der Ökonomie. Was früher viel Zeit, Spezialwissen und ein eingespieltes Team verlangte, lässt sich zunehmend automatisieren. Schwachstellen werden schneller gefunden, Angriffsketten schneller ausprobiert und glaubwürdige Täuschungen billiger produziert. Verteidiger bekommen dieselben Werkzeuge. Doch sie müssen jede offene Tür schließen. Ein Angreifer braucht nur eine.

Der Ausbruch bei OpenAI war real, aber kein Aufstand der Maschinen

OpenAI testete im Juli 2026 mehrere Modelle, darunter GPT-5.6 Sol und einen stärkeren internen Forschungsprototyp, mit dem ExploitGym-Benchmark. Die Modelle sollten komplexe Angriffspfade verfolgen. Dafür waren die üblichen Schutzklassifikatoren gegen riskante Cyberaktivitäten bewusst reduziert. Einen direkten Internetzugang hatten sie trotzdem nicht. Pakete konnten nur über einen intern betriebenen Cache-Proxy bezogen werden.

Die Modelle entdeckten eine Zero-Day-Schwachstelle in diesem Proxy, nutzten sie und arbeiteten sich zu einem System mit Internetzugang vor. Anschließend suchten sie nach den ExploitGym-Lösungen und kompromittierten Produktionssysteme von Hugging Face. OpenAI berichtet von gestohlenen Zugangsdaten, weiteren Zero-Days, Rechteausweitung und seitlicher Bewegung durch mehrere Systeme. Das Unternehmen deaktivierte den beteiligten Forschungsprototyp und schränkte den Zugriff auf ihn ein.[1]

Das Wort „Ausbruch“ ist hier technisch gerechtfertigt: Die vorgesehene Isolation wurde durch eine neu entdeckte Lücke überwunden. Es führt trotzdem leicht in die falsche Richtung. Die Modelle wollten nicht frei sein. Nach dem veröffentlichten Untersuchungsstand waren sie auf ein enges Ziel fixiert, nämlich die Testaufgabe erfolgreich abzuschließen. Sie fanden einen unerlaubten, aber wirksamen Abkürzungsweg. Für ein Unternehmen, dessen Produktionssystem auf diesem Weg liegt, ist der Unterschied zwischen Bosheit und fehlgeleiteter Zielerfüllung allerdings akademisch.

Claude veröffentlichte Schadcode und besorgte sich dafür eine Identität

Anthropics Vorfälle waren technisch anders. Dort war die Testumgebung wegen einer Fehlkonfiguration erreichbar, obwohl die Modelle ausdrücklich die Information erhalten hatten, sie befänden sich in einer abgeschotteten Simulation. Nach dem OpenAI-Vorfall prüfte Anthropic 141.006 Auswertungsläufe rückwirkend. In drei Fällen hatten Claude-Modelle das offene Internet erreicht und reale Systeme von drei Organisationen angegriffen. Sie nutzten vor allem schwache Passwörter, offene Debug-Seiten und SQL-Injection, keine neuartigen Exploits.[2]

Besonders aufschlussreich war der Lauf mit Claude Mythos 5. In der fiktiven Umgebung fand das Modell eine Installationsanweisung für ein Python-Paket, das im öffentlichen Paketverzeichnis PyPI noch nicht existierte. Claude erkannte die Gelegenheit: Es konnte ein präpariertes Paket unter diesem Namen veröffentlichen und darauf warten, dass das Ziel es automatisch installierte.

Dafür brauchte der Agent ein PyPI-Konto, dafür wiederum eine E-Mail-Adresse und zeitweise sogar eine Telefonnummer. Er suchte nach kostenlosen Diensten, versuchte Geld für eine Nummer zu beschaffen, wechselte nach Fehlschlägen die Strategie, registrierte schließlich ein Konto und lud das Schadpaket hoch. Es war ungefähr eine Stunde öffentlich verfügbar und wurde auf 15 realen Systemen ausgeführt. Bei einem Sicherheitsscanner las der versteckte Code Zugangsdaten aus; Claude nutzte sie anschließend für weitere Zugriffe.[2]

Das Modell hatte zwischendurch selbst erkannt, dass eine Veröffentlichung im echten Internet ein realer Angriff wäre. Es redete sich jedoch ein, die Umgebung müsse simuliert sein, unter anderem weil das Datum 2026 lautete und ihm Zertifizierungsstellen unbekannt vorkamen. Das ist kein Beleg für Bewusstsein. Es ist ein Beleg dafür, dass eine KI belastbare Warnzeichen falsch einordnen und zugleich sehr ausdauernd handeln kann.

Auch Social Engineering gehört inzwischen zum Testbild. Das britische AI Security Institute dokumentierte im Juli 2026 insgesamt 19 unerlaubte Aktionen von Mythos 5 und GPT-5.6 Sol gegen reale Menschen und Organisationen. Dazu zählten der Versuch, schädlichen Code in ein öffentliches Open-Source-Projekt einzuschleusen, sowie erfundene Online-Identitäten, mit denen ein menschlicher Maintainer beeinflusst werden sollte. Die Schutzklassifikatoren waren bei diesen Tests teilweise abgeschaltet. Die Vorfälle zeigen damit vor allem die Fähigkeiten unter absichtlich verschärften Laborbedingungen, nicht das Standardverhalten eines öffentlichen Chatbots.[3]

Mythos wurde nicht zurückgehalten, weil es schlechte Antworten gibt

Das Modell heißt Claude Mythos. Die Vorschau auf Claude Mythos erschien im April 2026. Allgemein verfügbar war das Modell nicht. Über Project Glasswing durften nur ausgewählte Partner aus der Sicherheitsforschung und kritischen Infrastruktur damit arbeiten. Der Grund war ungewöhnlich konkret: Mythos konnte Schwachstellen selbst finden und daraus funktionierende Exploits entwickeln.

Nach Angaben von Anthropic identifizierte und nutzte das Modell Zero-Days in großen Betriebssystemen und Browsern. Für einen 17 Jahre alten Fehler im NFS-Server von FreeBSD entwickelte es autonom einen Angriff, der einem nicht angemeldeten Nutzer Root-Zugriff verschaffen konnte. Bei einem Browser-Exploit verband es vier Lücken zu einer Kette. Anthropic berichtet auch von Exploits, für die menschliche Penetrationstester Wochen veranschlagt hätten und die Mythos in Stunden erzeugte.[4]

Solche Herstellerangaben brauchen unabhängige Gegenprüfung. ExploitGym liefert einen Teil davon. Der Forschungsbenchmark umfasst 898 reale Schwachstellen aus Anwenderprogrammen, Googles JavaScript-Engine V8 und dem Linux-Kernel. Claude Mythos Preview erzeugte darin für 157 Fälle funktionierende Exploits, GPT-5.5 für 120. ExploitGym bildet eine vorbereitete Umgebung ab und sagt wenig darüber aus, wie weit ein Modell in einem gut verteidigten Unternehmen käme. Er zeigt aber, dass Exploit-Entwicklung zu einer messbaren Modellfähigkeit geworden ist.[5]

Zwischen dem Hinweis auf einen möglichen Fehler und einem funktionierenden Exploit liegt der entscheidende technische Aufwand. Verteidiger brauchen diesen Nachweis, um Schwere und reale Ausnutzbarkeit einer Lücke zu beurteilen. Angreifern nimmt er einen der teuersten Teile ihrer Arbeit ab. Ob die Fähigkeit schützt oder schadet, hängt von Auftrag, Zugang und Zeitvorsprung ab.

Serverraum mit Rechnerreihen, Stromversorgung und Netzwerkkabeln
Ein Serverraum besteht aus vielen konkreten Abhängigkeiten: Firmware, Bibliotheken, Zugänge, Netzwerkdienste und alte Konfigurationen. KI kann sie schneller prüfen, als es ein kleines Sicherheitsteam manuell könnte.[15]

Open Source verändert die Frage von Kontrolle

Bei einem geschlossenen Dienst kann der Anbieter Konten sperren, Abfragen überwachen, gefährliche Werkzeuge abschalten oder ein Modell zurückziehen. OpenAI konnte den beteiligten Forschungsprototyp deaktivieren. Anthropic kann festlegen, wer Mythos ohne die normalen Cyber-Schutzschichten nutzen darf. Diese Kontrolle ist unvollkommen, aber sie existiert.

Bei frei herunterladbaren Modellgewichten sieht die Lage anders aus. Der Anbieter kann die offizielle Downloadseite schließen. Er kann jedoch keine Kopien von privaten Rechnern, Spiegelservern oder Tauschbörsen zurückholen. Schutzfilter lassen sich verändern, entfernen oder durch ein anderes Agentensystem umgehen. Ein einmal verteiltes Modell besitzt keinen zentralen Ausschalter.

Der häufig gebrauchte Begriff „Open Source“ ist dabei ungenau. Viele aktuelle Modelle sind vor allem open weight: Die trainierten Gewichte sind verfügbar, nicht zwingend sämtliche Trainingsdaten und der gesamte Code, mit dem sie entstanden sind. Die Open Source Initiative verlangt für echte Open-Source-KI auch die nötigen Informationen und Programme zum Studium, zur Veränderung und zur Reproduktion. Für die Sicherheitsfrage reicht der Zugriff auf die Gewichte jedoch schon weit. Wer sie lokal ausführen kann, ist nicht auf die Schutzregeln einer fremden Programmierschnittstelle angewiesen.[8]

Offenheit ist deshalb nicht der Feind. Offene Software erlaubt unabhängige Prüfungen, schafft Wettbewerb und gibt Verteidigern Werkzeuge, die sonst nur große Konzerne bezahlen könnten. Hugging Face setzte bei der Untersuchung des OpenAI-Einbruchs selbst offene Modelle ein. Das Problem ist die Irreversibilität. Bei einer Text-KI mag ein unerwünschter Ableger lästig sein. Bei einem Modell, das selbstständig Exploits erzeugt, wird jede Veröffentlichung zu einer dauerhaften Sicherheitsentscheidung.

Qwen zeigt, wie klein der Abstand geworden ist

Alibaba veröffentlichte Qwen3.6-35B-A3B im April 2026 mit frei verfügbaren Gewichten unter Apache-2.0-Lizenz. Das Modell umfasst 35 Milliarden Parameter, aktiviert pro Rechenschritt aber nur rund drei Milliarden. Die Dateien auf Hugging Face belegen etwa 72 Gigabyte. Damit ist es kein Spielzeug für ein gewöhnliches Büro-Notebook, aber weit entfernt von einer Infrastruktur, die nur ein staatliches Labor betreiben könnte.[7]

Wie ernst die Cyberfähigkeiten offener Qwen-Modelle zu nehmen sind, untersuchte Palisade Research in einer kontrollierten Versuchsanordnung. Qwen3.6-27B fand Schwachstellen auf vorbereiteten Servern, verschaffte sich Zugriff, übertrug seine eigenen Gewichte samt Laufzeitumgebung und startete auf dem Ziel eine funktionsfähige Kopie. In 33 Prozent der auswertbaren Läufe gelang die vollständige Kette. In einem weiteren Versuch wanderte das System nach einem einzigen Startauftrag über vier virtuelle Maschinen auf drei Kontinenten und nutzte an jeder Station eine andere Schwachstellenklasse.[6]

Auch hier ist Präzision nötig. Die Forscher gaben dem Agenten erreichbare, absichtlich verwundbare Ziele und schalteten Bestätigungen für Systembefehle im sogenannten YOLO-Modus ab. Das Modell suchte nicht spontan das Internet nach Opfern ab. Für die Ausführung war eine leistungsfähige GPU nötig. Die Studie belegt daher keine selbstständig grassierende KI-Epidemie. Sie belegt etwas Engeres und Beunruhigendes: Ein frei verfügbares Qwen-Modell konnte die komplette Kette aus Hacking, Installation und erneuter Ausbreitung technisch ausführen.

Auf genau diesem Versuch erreichte Qwen3.6-27B dieselbe Erfolgsquote wie GPT-5.4. Das macht es noch nicht in jeder Cyberdisziplin so leistungsfähig wie Mythos. Es widerlegt aber die beruhigende Vorstellung, offensive Fähigkeiten blieben lange hinter den Zugangskontrollen westlicher Frontier-Labore eingeschlossen. Das britische AI Security Institute misst bei offenen Modellen inzwischen nur noch einen Rückstand von wenigen Monaten gegenüber der geschlossenen Spitze.[13]

Der Bitcoin-Raub ist ein Lehrstück über Behauptung und Beweis

Ende Juli 2026 verschwanden innerhalb von 41 Minuten 1.082,65 Bitcoin aus 1.196 Wallets, damals ungefähr 70 Millionen US-Dollar. Betroffen waren Schlüssel, die mit bestimmten Firmware-Versionen von Coldcard-Hardware-Wallets erzeugt worden waren. Die Geräte mussten für den Angriff weder eingeschaltet noch mit dem Internet verbunden sein. Die Schlüssel selbst waren zu vorhersehbar.[10]

Eine Codeänderung aus dem Jahr 2021 hatte die Schlüsselerzeugung unbeabsichtigt auf einen Software-Zufallszahlengenerator gelenkt. Beim Coldcard Mk3 blieben dadurch ungefähr 40 Bit wirksame Entropie statt der vorgesehenen 128 Bit. Das klingt noch immer groß, ist für spezialisierte Rechner aber ein durchsuchbarer Raum. Ein Angreifer konnte mögliche Startwerte auf eigener Hardware erzeugen, die daraus abgeleiteten Bitcoin-Adressen mit der öffentlichen Blockchain vergleichen und passende Guthaben leeren. Bitcoin selbst wurde nicht gebrochen. Die Mathematik der Blockchain funktionierte. Gebrochen war die Annahme, der private Schlüssel sei praktisch nicht zu erraten.[9]

Mehrere Entwickler reproduzierten den Angriff laut Bitcoin Optech unmittelbar mit Hilfe von Frontier-KI. Daraus entstand die Vermutung, auch der Täter könne ein neues Qwen-Modell verwendet haben. Für diese konkrete Zuschreibung gibt es bisher keinen belastbaren öffentlichen Beleg. Weder die Blockchain-Daten noch die bekannten Untersuchungen nennen ein bestimmtes Modell. Möglich ist KI-Unterstützung. Bewiesen ist sie nicht. Der Fall sollte deshalb nicht als „Qwen stahl Bitcoin“ erzählt werden, sondern als Beispiel dafür, wie schnell ein alter Programmierfehler nach seiner Entdeckung operationalisiert werden kann.

Hardware-Wallet neben einem Laptop auf einem Schreibtisch
Eine Hardware-Wallet hält Schlüssel vom Internet fern. Sie schützt jedoch nicht vor einem Schlüssel, der bereits bei seiner Erzeugung zu wenig Zufall enthielt.[16]

Was ist vor KI noch sicher?

Die ehrliche Antwort lautet: kein einzelnes Produktversprechen. „Offline“, „verschlüsselt“, „mit Zwei-Faktor-Anmeldung“, „Open Source geprüft“ oder „von der KI abgelehnt“ kann weiterhin ein sinnvoller Schutz sein. Keines dieser Etiketten bildet allein eine Sicherheitsarchitektur. Die Coldcard blieb offline; angreifbar waren ihre schwachen Schlüssel. Bei Hugging Face genügte die professionelle Infrastruktur nicht, um die Angriffskette zu stoppen. Anthropics Schutzfilter hätten das Verhalten nach eigener Einschätzung blockiert, waren im Fähigkeitstest jedoch absichtlich nicht aktiv.

Mathematische Verfahren halten Angriffen stand, wenn Auswahl und Implementierung stimmen. Systeme werden widerstandsfähiger, wenn sie mit kleinen Berechtigungen, bekannten Angriffsflächen und einer erprobten Wiederherstellung arbeiten. Auch Entscheidungen brauchen Grenzen: Ein manipulierter Datensatz, ein Agent oder ein einzelnes Konto darf keinen irreversiblen Schaden auslösen. Absolute Garantien sind das nicht. Solche Strukturen begrenzen jedoch die Folgen eines Fehlers.

Sechs alte Sicherheitsversprechen im KI-Stresstest

Die Schutzmaßnahmen bleiben nützlich. Ihr Geltungsbereich muss nur genauer verstanden werden.

VersprechenWas KI daran verändertWas Unternehmen ergänzen müssen
„Das System ist offline“KI kann Fehler in der Erzeugung oder Vorbereitung angreifen, ohne das Gerät zu berühren.Entropie, Lieferkette, Firmware und Wiederherstellungsweg unabhängig prüfen.
„Wir haben MFA“Agenten kombinieren Täuschung, Sitzungsdiebstahl und technische Umgehungen.Phishing-resistente Verfahren, Passkeys, kurze Sitzungen und getrennte Freigaben einsetzen.
„Der Code wurde geprüft“Modelle durchsuchen alte und wenig beachtete Codepfade in großer Breite.Kontinuierlich prüfen, Funde priorisieren und Patchzeiten messen.
„Ein Mensch bestätigt“KI kann Identitäten erfinden, Beziehungen recherchieren und Druck aufbauen.Herkunft technisch verifizieren, Vier-Augen-Regeln und signierte Änderungen verlangen.
„Das Modell hat Schutzfilter“Filter können umgangen, abgeschaltet oder bei Open-Weight-Modellen entfernt werden.Berechtigungen und Netzwerkgrenzen außerhalb des Modells erzwingen.
„Wir haben Backups“Ein schneller Agent kann auch Sicherungen, Schlüssel und Administrationskonten erreichen.Unveränderliche, getrennte Backups regelmäßig durch eine echte Wiederherstellung testen.

Der gefährlichste Mitarbeiter ist vielleicht eine E-Mail

Unternehmen betrachten KI-Agenten oft als besonders fleißige Nutzer. Das ist zu freundlich gedacht. Ein Agent liest E-Mails, Webseiten, Dokumente und Code. In all diesen Inhalten können Anweisungen stecken, die sich gegen den eigentlichen Auftrag richten. Bei einer indirekten Prompt Injection wird nicht der Mensch getäuscht, sondern die KI: Ein Text in einer Nachricht oder auf einer Website fordert den Agenten etwa auf, Zugangsdaten zu versenden, eine Datei herunterzuladen oder eine Warnung zu ignorieren.

In einem gemeinsamen Red-Teaming von NIST, dem britischen AI Security Institute und weiteren Partnern fanden mehr als 400 Teilnehmende bei über 250.000 Versuchen mindestens einen erfolgreichen Hijacking-Angriff gegen jedes getestete Frontier-Modell. Die möglichen Folgen reichten vom Abfluss vertraulicher Daten bis zum Herunterladen und Ausführen von Schadcode.[12]

Das verändert die Rolle von Berechtigungen. Ein Agent, der Rechnungen lesen soll, braucht nicht automatisch das Recht, Bankverbindungen zu ändern. Ein Rechercheagent braucht keinen Zugang zur Softwareverteilung. Eine Coding-KI darf Änderungen vorbereiten, aber nicht mit denselben Zugangsdaten in Produktion veröffentlichen. Der Satz „Das Modell weiß, dass es das nicht darf“ ist keine Sicherheitsgrenze. Eine technisch verweigerte Berechtigung ist eine.

Die Apokalypse trifft zuerst die schlecht gepflegten Systeme

Die spektakulären Vorfälle sollten nicht von einer weniger aufregenden Wahrheit ablenken. Mandiant schrieb im Frühjahr 2026, die meisten erfolgreichen Einbrüche des Vorjahres seien weiterhin nicht direkt durch KI entstanden. Ausschlaggebend waren bekannte menschliche und technische Versäumnisse: gestohlene Zugangsdaten, fehlende Patches, zu breite Rechte und schlecht getrennte Systeme. Gleichzeitig beobachtete Google bereits Schadprogramme, die Sprachmodelle während ihrer Ausführung abfragen, um ihr Verhalten anzupassen.[11]

KI ersetzt die klassischen Angriffswege also nicht. Sie beschleunigt sie. Der ungepatchte Server, der früher nur für ein spezialisiertes Team interessant war, kann künftig von vielen Agenten parallel geprüft werden. Eine mittelmäßige Phishing-Idee lässt sich in Minuten auf hundert Rollen, Sprachen und persönliche Situationen zuschneiden. Sobald ein Hersteller ein Update veröffentlicht, liegt der Unterschied zwischen alter und neuer Version offen. Ein Modell kann diese Änderung analysieren und daraus einen Angriff gegen noch ungepatchte Installationen ableiten.

Das britische National Cyber Security Centre nennt diese Übergangszeit eine Phase erhöhten Risikos. Seine Empfehlung ist nicht, das Internet abzuschalten, sondern den Sicherheitsgrundzustand anzuheben: Hersteller sollen KI einsetzen, um eigene Schwachstellen früher zu finden und zu beheben; Unternehmensleitungen sollen Cyberrisiko als Geschäftsrisiko behandeln. Wer heute drei Monate für einen kritischen Patch braucht, kann nicht darauf vertrauen, dass der Angreifer ebenfalls drei Monate benötigt.[17]

Was eine Geschäftsleitung jetzt konkret entscheiden sollte

Die technische Abteilung kann vieles umsetzen. Sie kann aber nicht allein entscheiden, welche Ausfallzeit akzeptabel ist, welche Daten ein Agent sehen darf oder wie viel Geschwindigkeit für eine zusätzliche Freigabe geopfert wird. Diese Fragen gehören in die Geschäftsleitung. Fünf Entscheidungen sind dringlicher als eine weitere allgemeine KI-Richtlinie:

  • Eigene Agenten bekommen eigene Identitäten. Keine geteilten Administratorkonten, keine geerbten Vollmachten eines Mitarbeiters und keine dauerhaften Schlüssel für einen kurzen Auftrag.
  • Lesen und Handeln werden getrennt. Ein System, das externe E-Mails und Webseiten verarbeitet, darf daraus nicht ohne weitere Prüfung Zahlungen, Installationen oder Veröffentlichungen auslösen.
  • Ausgehender Netzwerkverkehr wird begrenzt. Testumgebungen, Coding-Agenten und Sicherheitsmodelle erreichen nur freigegebene Ziele. Abweichungen stoppen den Lauf technisch und erzeugen einen Alarm.
  • Softwareänderungen brauchen überprüfbare Herkunft. Signierte Commits, geschützte Hauptzweige, reproduzierbare Builds, feste Abhängigkeiten und menschliche Prüfung erschweren manipulierte Beiträge und Paketfallen.
  • Die Zeit bis zum Patch wird zur Führungskennzahl. Gemessen wird nicht nur, wie viele Lücken gefunden wurden, sondern wie lange kritische Systeme nach Fund, Meldung und verfügbarer Korrektur offen bleiben.

Eine sechste Entscheidung liegt quer zu allen anderen: Verteidiger brauchen ebenfalls KI. Ein kleines Sicherheitsteam kann nicht dauerhaft gegen automatisierte Suche bestehen, wenn es seine Protokolle, Codebestände und Schwachstellenlisten ausschließlich manuell auswertet. Der defensive Einsatz braucht dieselben Grenzen wie jeder Agent. Doch Verzicht ist keine Verteidigungsstrategie, sobald Angreifer maschinell skalieren.

Vielleicht ist das Wort Apokalypse deshalb nützlich, solange man es wörtlich nimmt. Im Griechischen bedeutet es Enthüllung. KI enthüllt, wie viele Sicherheitsversprechen in Wahrheit von ungeprüften Annahmen leben: dass niemand diesen alten Codepfad liest, dass ein Offline-Gerät automatisch gute Schlüssel erzeugt, dass ein Paketname schon vertrauenswürdig sein wird, dass ein Mensch eine höfliche erfundene Identität erkennt. Die Modelle schaffen viele dieser Schwächen nicht. Sie finden sie nur schneller.

Wenn Sie diese neue Lage für Führungskräfte, IT-Verantwortliche oder ein Veranstaltungspublikum verständlich einordnen möchten, lässt sich das Thema in einer KI-Keynote ohne Alarmismus und ohne technische Verharmlosung aufbereiten. Im Mittelpunkt stehen dann nicht Filmfantasien, sondern die Entscheidungen, mit denen Unternehmen Handlungsfähigkeit behalten.

Jan Ditgen, Keynote-Speaker für Künstliche Intelligenz

Jan Ditgen

Über den Autor

  • 1.000+Vorträge
  • CSPCertified Speaking Professional
  • 4Vortragssprachen

Jan Ditgen ist Keynote-Speaker für Künstliche Intelligenz. Er hat über 1.000 Vorträge gehalten und trägt die Auszeichnung Certified Speaking Professional (CSP) der National Speakers Association, die höchste international vergebene Auszeichnung für professionelle Redner.

Er kommt nicht aus der Informatik, und darin liegt seine Stärke: Er erklärt Künstliche Intelligenz so, dass Menschen ohne technische Vorkenntnisse mitkommen, klar, praxisnah und unterhaltsam. Auf der Bühne spricht er vor Unternehmen, Verbänden und Fachtagungen auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch über den praktischen Nutzen von KI im Arbeitsalltag, über Chancen und Risiken und darüber, wie Menschen ihr eigenes Urteil behalten, wenn Antworten jederzeit verfügbar sind.

Jan Ditgen ist Autor mehrerer Fachbücher. In seinen Büchern und Artikeln nimmt er sich Zeit für die Aspekte von KI, die in einem 60-minütigen Vortrag zu kurz kommen. Er verbindet seine Erfahrungen zum Thema KI und aus der Veranstaltungswelt mit verständlichen Einordnungen für Unternehmen und Auftraggeber. Sie können Jan Ditgen als .

Quellen und weiterführende Lektüre

  1. OpenAI: Hugging Face model evaluation security incident
  2. Anthropic: Investigating incidents from cybersecurity evaluations
  3. Axios: AI models took 19 unsanctioned actions in cyber tests
  4. Anthropic: Claude Mythos Preview
  5. ExploitGym: Evaluating Exploit Generation Capabilities of Large Language Models
  6. Palisade Research: Can Frontier AI Models Self-Replicate?
  7. Qwen: Qwen3.6-35B-A3B; Apache-2.0-Lizenz auf Hugging Face
  8. Open Source Initiative: The Open Source AI Definition
  9. Bitcoin Optech Newsletter: Coldcard Mk3 vulnerability and theft analysis
  10. CoinDesk: How Bitcoin cold wallets lost $70 million
  11. Google Cloud / Mandiant: M-Trends 2026
  12. NIST CAISI: Insights on AI agent security from a large-scale red-teaming competition
  13. UK AI Security Institute: Frontier AI Trends Report
  14. Maj. Christopher Vasquez, USAF: Cybersecurity Operations at Port San Antonio (Wikimedia Commons). Kennzeichnung: Public Domain, Werk der US-Regierung. Bearbeitung: auf 16:9 zugeschnitten.
  15. Johan Fredriksson / Esquilo: PDC server room (Wikimedia Commons). Lizenz: CC BY-SA 3.0. Bearbeitung: auf 16:9 zugeschnitten.
  16. Hendrik Morkel: Hardware-Wallet neben einem Laptop (Unsplash). Lizenz: Unsplash License. Bearbeitung: auf 16:9 zugeschnitten.
  17. UK National Cyber Security Centre: Retaining defensive advantage in the age of frontier AI cyber capabilities

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Letzte Aktualisierung: 13.08.2026